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Wahrheit?

Personalisiertes Storytelling im Selbstversuch: Ein Besuch bei Ronja

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Wahrheit?

Personalisiertes Storytelling im Selbstversuch: Ein Besuch bei Ronja

„Liebe, Macht – und Liebe, darüber wollen die Leute alles wissen“, weiß Ronja und lächelt vielsagend. Wahrsagen ist kein Beruf, es ist eine Berufung. Ronjas bürgerlicher Name klingt vielleicht weniger verheißungsvoll, verleugnet aber die Herkunft seiner Trägerin ebenso wenig. Irmgard Lauenburger ist 74 Jahre alt und sagt in der dritten Generation wahr. Zu ihren Kunden zählen Männer wie Frauen gleichermaßen, die meisten von ihnen sind Stammkunden. Vielleicht auch deshalb, weil sie ein wichtiges Gebot befolgt: „Ich sage nichts, was die Leute nicht hören wollen.“ Personalisiertes Storytelling On-Demand – höchste Zeit für den Selbstversuch.

„Ich glaube da ja [eigentlich] überhaupt nicht dran“, ist mein Mantra als ich durch die noch leeren Kirmesgassen laufe. Zucker und Plastik soweit das Auge reicht. Konkurrenz von Bratwurst und Zuckerwatte, Helene Fischer gegen David Guetta: Die Cranger Kirmes ist eine Institution im Ruhrgebiet, mit 500 Schaustellern ist sie das größte Volksfest in NRW. Und irgendwie hat die Jahrmarktromantik heute etwas bedeutungsschweres. Ich bin tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Das legt sich jedoch als ich vor Ronjas Container stehe – anders kann man die kleine blaue Box nicht nennen, in der sie täglich aus Händen, Karten und Augen liest. „Wissen ist Macht“ steht da über der Tür und während ich mich noch frage, wer von uns beiden die Macht hat – sie, weil sie in die Zukunft blicken kann oder ich, weil ich gleich wissen werde, was meine Zukunft bringt – kommt sie.

15 Euro: der Preis der Macht

Ronja hat ein flattriges schwarz-weißes Etwas übergeworfen, von dem ich glaube, dass es so etwas wie ihre Arbeitskleidung ist. Ich setze mich ihr gegenüber, auf dem Tischchen zwischen uns steht ein kleines Holzschild – „15 Euro“ steht da. Das ist also der Preis der Macht. Dann nehmen ihre goldberingten Finger meine Hand und es geht los. Irmgard Lauenburger alias Ronja ist eine angenehme Frau, nicht aufdringlich und ruhig. Ich hätte mir das Auftreten einer Wahrsagerin prätentiöser vorgestellt. Die Menschen, die Ronja besuchen, hegen keine Zweifel daran, dass sie das kann, was sie vorgibt zu können: in die Zukunft sehen. So stützt die abgeklärt-bestimmte Art dieser Frau ihre Glaubwürdigkeit. Mit fast schon gelangweilter Routine liest sie in meiner Hand als ob sie mir aus der Zeitung vorläse. Es steht ja alles da. Ihr rechter Mundwinkel ist ein wenig schief, vielleicht die Folge einer Erkrankung. Das lässt ihre Worte verwaschen klingen, gibt ihrem Erscheinungsbild aber auch etwas Geheimnisvolles. Schnell schwirrt mir der Kopf, weil ich versuche, zwischen investigativem Interesse und privater Neugierde einzuordnen, was mir Ronja da gerade alles über mein Leben erzählt – wie es sein wird: Die Änderungen kommen in Dreier-, Sechser und Neuner-Zyklen, Kinder, berufliche Orientierung, Eigentum und natürlich – die Liebe. Im Großen und Ganzen wird alles gut. Das ist doch schon mal was. Wie sich später herausstellen wird, ist das die Geschichte, die ich gehört habe – mein Begleiter wird mir eine andere Version präsentieren.

„Wenn ich etwas sehe, wonach die Leute nicht fragen,
dann sage ich das auch nicht.“

Es geht also darum, das zu erzählen, was die Leute hören wollen. „Wenn ich etwas sehe, wonach die Leute nicht fragen, dann sage ich das auch nicht. Zum Beispiel, wenn ich eine Geliebte im Leben ihres Mannes sehe, die Kundin aber nicht danach gefragt hat: Warum sollte ich sie beunruhigen?“, sagt die 74-Jährige. Ich ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke, warum sie jetzt gerade dieses Beispiel anbringt, dass ich fast verpasse, wie sie erzählt, eine Frau als Kanzlerin vorausgesagt zu haben und ihre Kinder 2004 vor einer Thailand-Reise gewarnt zu haben. In wessen Händen, Karten oder Augen das wohl geschrieben stand? Was interessant ist – Ronja stellt keine demografischen Vorab-Fragen, um die Antworten in ihre Weissagungen einzuflechten und darüber stelle ich fest: Ihr wichtigstes Tool ist die Aufmerksamkeit. Es sind die kleinen Reaktionen, ein zustimmendes Nicken, ein Augenaufschlag und obwohl ich mich im Pokerface versuche, landet sie Treffer. Das Geheimnis ist also herauszufinden, was dein Gegenüber hören will, ohne dass man Fragen stellt. Wenn wir Marken-Stories erzählen oder Storytelling als Methode in der Kommunikation über Marken und Produkte nutzen, müssen wir schon wissen, welche Geschichte unser Publikum sehen, hören, lesen und erleben möchte. Es gibt die Grundpfeiler, die eine Geschichte zu einer guten Geschichte machen, aber Con-tent im richtigen Con-text kann sie für das Publikum zu einer sehr guten machen.

 

Ronja interpoliert

 

Als Mutter von vier Kindern, Großmutter von 13 Enkelkindern und Wahrsagerin für mehrere Dutzend Stammkunden hat Irmgard Lauenburger ebenso viel Lebenserfahrung wie Menschenkenntnis. Und letztlich sind die Themen, welche die Leute umtreiben, immer die gleichen. In Zeiten von Big Data und Predictive Analytics wäre eine virtuelle Wahrsagerin wahrscheinlich geradezu unheimlich treffsicher in ihren Vorhersagen über Zukünftiges. Denn letztlich geht es auch hier darum: Aus Vergangenem Aussagen über die Zukunft treffen – das Interpolieren von Mustern. Nichts Anderes macht Ronja in ihrer blauen Box: Sie interpoliert aus ihren Erfahrungen über menschliche Beziehungen. Und einem guten Algorithmus gleich kann sie das direkt umsetzen und in einer neuen Fassung verwerten. „Natürlich kann ich keine Lottozahlen sehen, das fragen mich viele. Sonst würde ich wohl nicht mehr hier sitzen. Genauso wenig kann ich mit Toten sprechen“, sagt Ronja. Natürlich nicht, denn die Ziehung der Lottozahlen ist Stochastik und mit Toten reden ist Humbug.

Ronja verfolgt ein verblüffendes Erfolgsmodell: Sie verkauft Wissen über die Zukunft und selbst wenn ihre Prophezeiungen noch nicht eingetroffen sind (denn irgendwann treffen sie ja alle ein) – ihre Kunden kommen immer wieder. Die Werbung weiß es eigentlich seit Jahrhunderten: Die Konsumenten wollen keine Wahrheiten, sie wollen in ihrem Tun, ihrem Dasein, ihren Entscheidungen bestärkt werden. Frei nach Watzlawik: „Wie wahr ist die Wahrheit?“ Und je näher eine Geschichte an der persönlichen Lebenswelt des Kunden ist, desto glaubwürdiger wird sie für ihn. Authentizität ist keine Eigenschaft, sondern eine Frage des Betrachters.

Ronja verkauft aber nicht nur Geschichten über die Zukunft, gleichzeitig verkauft sie eine Geschichte um ihre Person – angefangen bei ihrem Namen. Ob man vom Wahrsagen reich werden kann, ist die eine Sache, aber von Ronja als Marke kann man einiges lernen. Und während ich die Bratwurst am Stand nebenan bezahle, lasse ich den violetten Glücksstein, den Ronja mir zum Abschied in die leergelesene Hand gedrückt hat, in mein Portmonee gleiten. /

Eigentlich glaube ich da ja gar nicht dran...